Rakhyr

„…neulich in Klein Barringen, Neuharden“ Teil 1

Es ist früher Morgen, die Sonne schickt ihre ersten Strahlen durch die Wolkenfetzen, man kann noch nicht sagen, ob es ein schöner Tag werden wird. Auf dem Dorfplatz herrscht schon reges Treiben, denn es ist Markttag in Klein Barringen. Von den umliegenden Höfen kommen die Bauern und wollen ihre Waren verkaufen. Runken, Kohl, Kartoffeln und Suppenhühner werden schon von den Karren geladen, als ein völlig entkräfteter und von Ruß geschwärzter Mann durch das kleine Dorftor schwankt und nach wenigen Schritten zusammenbricht.

Rakhyrs Reise, Teil 4: Kein Sold

Rakhyr verbrachte fast den ganzen Tag damit, Holz aufzuschichten, während die Leiche in der warmen Hütte langsam auftaute.

Am Abend setzte sie sich zu ihr und begann den ekligeren Teil ihrer Arbeit.
Während sie den Brustkorb der Leiche öffnete und das Herz herausholte, murmelte sie auf drunisch vor sich hin:
„Mi snìomh aon fighead – Ich webe ein Netz,
aon fighead ri uile Tomadach – Ein Netz um jeden Muskel,
aon fighead ri uile cnàimh – Ein Netz um jeden Knochen,
aon fighead ri uile Khyr – Ein Netz um jeden Blutstropfen,
aon fighead ri thu Duine – Ein Netz um deinen Körper.
Mi snìomh aon fighead – Ich webe ein Netz
as ruith thu air – Und fange, was du bist.“

Kurz später legte sie die Leiche – nun ohne Herz – auf den Scheiterhaufen und zündete ihn an.
Das Feuer brannte gut, und der Rauch stach so in ihren Lungen, dass sie den Geschmack des Herzens nicht mehr auf der Zunge hatte. Plötzlich erschauderte sie und ging in die Knie. Die Vision, die die Seele ihr zeigte, war verschwommen und fast unbrauchbar.
Sie konnte den Mörder nicht erkennen, aber immerhin hörte sie seine Stimme:
„Willst du keinen Sold uns geben, zahlst du halt mit deinem Leben…“

Reise der Lendermannen, Teil 1: Ich habe eine Idee!!!

Leif-Erik Holm, der Hetman der Lendermannen, blies in der Heimat der Lendermannen, der kleinen Insel Fjoreholm in der nördlichen See, im vergangenen Frühling aus Leibeskräften in sein Rufhorn.  Er wollte damit die Lendermannen zusammenrufen, da er eine Idee hatte. Als ihm schon fast die Luft ausgegangen war und ihm die Lippen brannten, sah er endlich wie Einer nach dem Anderen über die kargen Hügel und die blanken Felsen geschlendert kam.  Es dauerte einige Zeit, bis Thoral und Ragnar, Ziyal, Ansgar, Askja, Sven, Egil, Thorgrim und Harald bei ihm angelangten. Sogar Ahasver stieg von seinem kleinen Schiff, das im Fjord vor Anker lag, und kletterte keuchend die Felsen empor.

Leif-Erik war recht ungehalten, weil sie sich nicht gerade beeilt hatten. Waren sie alle doch einst immer die Ersten gewesen, die laut schreiend vom Langschiff sprangen, um in den Kampf zu ziehen. Damit  hatten sie sich ihren Namen und ihren Ruf erstritten. Waren diese Zeiten vorbei? Waren sie alt, fett, reich und bequem geworden?

Immerhin waren sie aus jedem Feldzug und von jedem Thing mit gut gefüllten Beuteln zurückgekehrt und hatten ihr Silber klug in ihre Schänke, den „Grünen Kessel“, investiert. Hier gingen sie ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Saufen bis zum Verlust der Muttersprache, mit großer Leidenschaft nach und im Lauf der Jahre wurde der „Grüne Kessel“, dessen Geschichte einst im Land Mythodea begann, als acht Lendermannen, denen langweilig war, das Lager der Magica in ihre Hand brachten, zu ihrer Heimat geworden war.

Aber jetzt stand der Hetman Leif-Erik Holm auf seinem grünen Hügel, schnaubte wütend über die Trägheit seiner Mannen und verkündete: „Ich habe eine Idee!!!“

Dieser Satz war gefürchtet bei den Lendermannen, da Leif-Eriks Ideen meist sehr abstrus waren und sie schon oft bis an die Frostbrücke, die nach Walhalla führt, gebracht hatte. Bisher waren diese „Ideen“ trotz allem aber bisher so ausgegangen, dass die Lendermannen dadurch nicht nur reicher wurden, sondern ihre Taten auch in vielen Liedern besungen wurden.

„Da ihr alle fett, faul, träge und am liebsten besoffen seid“, fuhr er fort, „habe ich mir überlegt, dass wir den „Grünen Kessel“ abbauen, auf unser kleines Schiff laden, in den Süden segeln und unser Bier und unseren Met an die Südländer verkaufen. Jetzt sofort! Bevor ihr alles ausgesoffen habt und euch auf dem nächsten Misthaufen zum Schlafen niederlegt!“

In den Reihen der Lendermannen regte sich Verwunderung und Unmut, da dies doch Arbeit bedeutete; und Ahasver grummelte „hab noch Schnaps und Schinken auf dem Schiff. Wollte eigentlich noch nicht ablegen“.

„Nix da! Jeder packt mit an und in drei Tagen laufen wir aus in Richtung Süden“, sagte Leif-Erik bestimmend.

Und so geschah es. Im Morgengrauen des dritten Tages lief das Schiff der Lendermannen mit bauchig geblähtem, rot weiß gestreiftem Segel, aus dem Fjoreholmer Fjord. Wieder einmal, wie schon so oft, kehrte die gute Laune zurück. Bedingt durch die Vorfreude auf das Kommende, das Gefühl auf See zu sein, den Wind in den Haaren zu spüren und die Aussicht auf Gewinn. Singend und mit den Möwen um die Wette jauchzend segelten sie mit dem „Grünen Kessel“ und Fässern voller Bier, Schnaps und Met gen Süden. Nicht ahnend, dass schon in wenigen Tagen einer der schwersten Stürme auf sie zukommen würde, den die nördliche See je gesehen hatte….

Rakhyrs Reise, Teil 3: Die Leiche

Als Rakhyr am nächsten Morgen erwachte, waren die Männer bereits weggeritten.

Etwas verspannt streckte sie sich. Sie hatte lange darüber nachgedacht, ob sie den Männern die Geschichte über Mareks Zahlungsunwilligkeit glauben sollte. Aber Mareks Haus lag noch maximal einen Tagesritt entfernt – wenn sie zurück ritt, müsste sie vier weitere Tage im Kalten verbringen.

Ein paar Stunden später erreichte sie die Hütte von Marek. Voller Vorfreude auf einen geheizten Raum riss sie die Tür auf – und fand Kälte und Dunkelheit vor.

Es war kein Mensch zu sehen, also entzündete sie selbst ein Feuer und die Kerzen.

Während die Hütte langsam wärmer wurde, schaute sie sich um.

Im Schlafraum stieß sie auf eine Männerleiche – vermutlich Marek. Der arme Mann lag zwar im Bett, aber war definitiv nicht einfach so gestorben. Er hatte mehrere Stichwunden am völlig durchgefrorenen Körper. Seine linke Hand fehlte, und auf seiner Stirn hatte jemand mit vier Schnitten eine Art W eingeritzt.

Rakhyrs Reise, Teil 2: Nicht allein

Ganze drei Tagesritte von der Schänke entfernt wohnte „dieser Marek“.

Zumindest bei gutem Wetter . Bei dem derzeitigen Schneegestöber wäre Rakhyr glücklich, wenn sie es in fünf Tagen schaffen würde… Vier davon war sie nun schon unterwegs, zwar eingepackt in gute Felle, aber trotzdem durchgefroren bis auf die Knochen. Heute Abend würde sie die Vorsicht in den Wind schlagen und ein Feuer anzünden. Sie konnte den Rauch schon riechen…

Moment, den Rauch bildete sie sich nicht nur ein. Alarmiert zügelte sie ihr Pferd und kontrollierte ihre Waffen, bevor sie dem Weg weiter folgte. Kurz später sah sie das Lagerfeuer auch.

Drei Männer saßen drum herum und beobachteten sie, die Hände schon an ihren Schwertern. Sie waren ziemlich grobschlächtige Kerle, anscheinend sehr kampferfahren.

„Ganz schön kalt für einen Ausritt, Frau“, rief einer ihr zu, „und gefährlich obendrein, so ganz allein?“

„Ich bin nicht allein“, entgegnete sie mit einem breiten Grinsen und zeigte ihr Schwert, „meine Klingen begleiten mich.“

Die Männer lachten.

„Aber ihr könnt etwas gegen die Kälte tun, und mich mit eurem Feuer wärmen.“

Sie nickten, und machten Platz für sie.

„Wir können dich auch noch anders wärmen“, versprach ihr der Mann zu ihrer Rechten mit zweideutigem Grinsen – doch gerade, als sie zu ihrem Messer greifen wollte, hielt er ihr einen Krug Met hin. „Wo willst du hin, Frau?“

„Zu Marek aus Tienendorf.“

„Oh, wirklich? Bist du Söldnerin?“

Sie nickte. Die Männer lachten erneut, dieses Mal ziemlich dreckig.

„Dann pass lieber auf. Wir haben gehört, Marek zahlt seinen Sold nur sehr ungern…“

Underbergs Reise, Teil 4: Lästige Reisegruppe…

„Wie weit noch, Hauptmann?“
Eine kleine Gruppe von Männern quälte sich durch den Schnee, etwa eine Tagesreise von Eckhartsweiler entfernt.
„Nun, Luftlinie noch eine Tagesreise etwa. Wir müssen aber noch über die Berge. Schwierig zu sagen. Wir können froh sein, dass es aufgehört hat zu schneien.“
Underberg brummte. Er straffte sein Reisebündel und lief weiter.
„Wie lästig diese Reisegruppe doch ist. Allein käme ich allemal schneller voran“, dachte sich der Magister.
„Aber die Vorschriften und sein Stand verbieten dies.“
Joachim wurde nicht müde dies „anzumerken“.
„Es seien schließlich unzivilisierte Nordmänner, welche Er aufsucht. Eine Eskorte ist da unabdingbar.“
Underberg lauschte dem Gezeter des Mannes, welches in seinem Kopf nachhallte. Er fragte sich, wann Joachim das letzte Mal in der Hauptstadt gewesen war. Wilde gab es überall. Der Spähtrupp ließ sie anhalten: Ein Felsvorsprung, geschützt vor Wind und Schnee, lud zur Rast ein. Der Magister ließ sich in einer trockenen Ecke fallen und trank einen Schluck Schwarzen. Dann schloss er die Augen.
„So lästig“ murmelte er noch. Dann schlief er ein.

Underbergs Reise, Teil 3: Schiffbruch

Es klopfte harsch an der Tür. John trat ein.

„Magister, verzeiht die Unterbrechung, aber….“
„Was fällt dir eigentlich ein?“

Underberg stand an seinem OP-Tisch, eine blutige Schürze um und eine Knochensäge in der Hand. Der Patient, eine Wache, wimmerte leise. Ein Fuß lag einsam auf dem Boden.

„Siehst du nicht, dass ich mal wieder einen deiner Leute zusammenflicke? Habe ich dir nicht gesagt, du sollst zusehen, dass sie ihre Stiefel füttern?“

„Magister, einer unserer Jäger entdecke Nordmänner am Flussufer, oben in den Bergen. Sie scheinen Schiffbruch erlitten zu haben.“
Der Magister schnalze mit der Zunge und wischte sich die Hände an der Schürze ab.

„Hat der Jäger Beute mitgebracht?“
John blinzelte. „Ähm…“
„Und wieso behelligst du mich mit solchen Dingen? Geh zum Gouverneur… Achja, da war ja was.“

Ärgerlich warf er die Säge in seine Tasche, tätschelte der Wache das Knie.
„Ich bin gleich wieder da“

Underberg ging den Turm hinauf, gefolgt von John. Underberg zog ein paar Münzen aus einem Beutel und gab sie dem Hauptmann.

„Für den Jäger, er soll sie weiter beobachten“
John nickte und wand sich zur Tür.
„Und John, ich weiß wie viele Münzen ich dir gab. Sieh zu, dass sie auch beim Jäger ankommen. Auf dem Tisch ist noch Platz.“

John nickte und ging hinaus. Underberg zog einen Federkiel und ein Pergament zu sich und begann zu schreiben.

„Wird Zeit, dass Ihr Euren Urlaub beendet, lieber Gouverneur.“

Underbergs Reise, Teil 2: Winterliche Luft

Winterliche Luft zog durch das geöffnete Fenster herein.
Underberg saß in seinem Arbeitszimmer. Der Schreibtisch war mit Pergamenten übersät. Mit Tinte verschmierten Fingern ging er die jüngsten Berichte aus der Heimat durch. Stirnrunzelnd lass er die Zeilen.
Ein festes Klopfen ließ ihn zusammenzucken. Er schob die Notizen und Briefe hastig zusammen, griff nach einem Skalpell, welches auf dem Tisch lag, und rief:
„Herein.“
John der Hauptmann der Wache Eckhartsweilers trat schweren Schrittes ein.
„Magister.“
Er schloss die Türe hinter sich und trat vor den Schreibtisch, wo er kurz den Kopf senkte. Underberg ließ das Skalpell in seinem Ärmel verschwinden und schaute den Mann fragend an.
„Habt ihr Neues in Erfahrung bringen können?“
„Nein, Magister.“ John schaute zum Kessel rüber, auf dem Feuer brodelte munter ein Eintopf.
„Nur zu“, sprach Underberg und widmete sich wieder seinen Briefen.
John nahm sich eine Schüssel und schlang den Eintopf gierig hinunter. Zwischen zwei Löffeln murmelte er mit gedämpfter Stimme:
„Nun, es sind noch weitere Opfer aufgetaucht. Alle tot. Und alle haben nichts gemeinsam. Einzig die 4 Schnitte im Gesicht. Vielleicht ein neuer Hexenkult?“
Underberg schnaubte und strich einen Satz durch.
„Es gibt hier keine Hexen, John. Wir hätten sonst was zum Heizen und müssten die Männer nicht bei diesem Wetter zum Holz schlagen in den Wald jagen.“
Underberg versiegelte seinen Brief und stand auf.
„John, ich möchte, dass du und deine Männer in der Kolonie bleiben. Der Winter hat unser Fleckchen Erde hier fest in seiner Hand. Und ich will nicht wieder Gliedmaßen amputieren müssen, weil Ihr nicht aufpasst.“
Underberg winkte dem Mann unwirsch. John deutete eine Verbeugung an.
„Sehr wohl, Magister.“ Er verließ das Arbeitszimmer.
Underberg nahm sich seine Pfeife, entzündete sie murmelnd und trat hinaus auf den Wehrgang seines Turms. Die Luft war eisig, doch klar und rein. Sie half ihm seine Gedanken zu ordnen.
„Wie es wohl den Anderen ergeht?“
Mit dem Finger malte er Runen in den frischen Schnee. Ein Krächzen ließ ihn zusammenfahren und eine Krähe landete auf seiner Schulter. An ihrem Bein baumelte eine kleine Pergamentrolle. Underberg klopfte seine Pfeife aus und ging mit der Krähe auf der Schulter wieder hinein. Er las die kurze Nachricht und setzte sofort einen neuen Brief auf.

Rakhyrs Reise, Teil 1: Das Kleid…

Rakhyr traute ihren Ohren kaum.

Da wollte man mal in Ruhe ein Bier trinken und sich nach Kontrakten umhören, und was bekommt man vom Nebentisch mit? Sie solle in Wahrheit eine fesche Schankmaid sein? So weit kommt das noch, dass es Gerüchte von ihr im Kleid gibt…

Mit einem beherzten Tritt beförderte Rakhyr den tratschenden Nordmann von seinem Stuhl. Das war natürlich nicht genug. Sie packte ihn am Kragen seiner Tunika und zog ihn hinter sich her durch die Tür des Schankhauses. Draußen schleuderte sie ihn gegen die Stallwand. Immer noch nicht genug, also trat sie noch ein paar Mal zu. Besser. Aber etwas fehlte noch…

„Da hast du deine Schankmaid, Oinseakh!“, knurrte sie. Perfekt. Zufrieden stapfte sie zurück in den Wirtsraum.

An ihrem Platz wartete schon der örtliche Ausrufer. Sein Blick zeigte von Entsetzen über Anerkennung bis zu Erstaunen alles. Grinsend nahm sie sich ihren Krug, trank ein paar Schlucke und setzte sich dann wieder.

„So. Wo wohnt nun dieser Marek, der gutes Gold für die Sicherung seiner Reise zahlt?“, fragte sie den Ausrufer.

Genug

… Es war genug.
Zwei verfluchte Male hatte Khatûrz schon zugesehen, wie ihr Hauptmann sich von Auftraggebern verarschen ließ.
Der Erste, ein schmutziger Baron, bezahlte mit fleckigen Kartoffeln statt mit gerechtem Gold.
Der Zweite, ein kauziger Händler, minderte den Sold, da sie seiner Meinung nach zu spät zu ihrem Auftrag erschienen waren – was für ein Kunststück, wo er selbst den Zeitpunkt mehrmals geändert hatte.
Ein drittes Mal würde es nicht geben.
Nicht mit ihr.
Sie war eine Söldnerin, verdammt.